Santiago aus der Sicht eines Urlaubers

Schon im Landeanflug auf Chiles Hauptstadt Santiago bemerkt man die eher ungewohnte Geographie des Landes.

Kaum die Küste überflogen schwebt man zwischen schneebedeckten Bergen in ein praktisch komplett ausgetrocknet scheinendes, sonnendurchflutetes Tal.

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Die Ankunft

Der Flughafen wirkt eher klein und überfüllt, aber gut organisiert. Das erste Südamerika-Vorurteil fällt gleich hier, die Einreise gestaltet sich überraschend fix und effizient. Obwohl praktisch zeitgleich etliche Maschinen aus den USA eintreffen, praktisch jede Minute eine, ist die Einreise samt gründlicher Zollabfertigung in gut 90 Minuten erledigt. So lange habe ich anderswo auch schon mal auf das Gepäck gewartet.

Am Ausgang hat Sarah mich dann eingesammelt und wir nahmen den Bus in Richtung Stadt bis zur U-Bahn und von da bis in die Nähe meines Hostels. Erste Erkenntnis nach der Ankunft: Mit Englisch hört es weitgehend an der Flughafen-Tür auf. Wer in Chile plant Chilenen kennen zu lernen bringt besser solide Spanisch Kenntnisse mit, schade, durch den Alltag kommt man aber auch mit einem guten Wörterbuch, gerne in Smartphone-Form. Dazu später mehr.

Erste Eindrücke in Bellavista2016-10-22-13-23-52_2

Kaum an der Baquedano Station wieder im Tageslicht angekommen, bot sich auch schon der erste eindrucksvolle Ausblick. Mit Cerro San Cristóbal im Norden und dem schneebedeckten Cerro El Plomo im Osten begrüßte mich ein sonniger Tag mit einem recht umwerfenden Ausblick. Das mein Hostel praktisch am Fuße des Cerro San Cristóbal liegt, war reiner Zufall, aber der erste Tagestrip stand damit auch fest. Da rauf.
Eingecheckt und geduscht wurde erst das Umfeld erkundet, und Bellavista macht wirklich was her. Lauter Restaurants, Bars, Clubs, Galerien und kleine Geschäfte. Und überall Graffiti. Schöne Graffiti. Wirklich schöne Graffiti. Und viel Polizei.

 

Unbemerkte Kriminalität

Zwar habe ich mich in Santiago kein einziges Mal unsicher gefühlt, auch nicht Nachts auf einsamen Straßen auf dem Weg heim, aber so sicher wie es sich anfühlt kann es nicht sein. Überall große Gruppen von Polizeikräften mit paramilitärischer Ausrüstung und selbst kleine Geschäfte haben einen Wachmann mit schusssicherer Weste, Schlagstock und Handschellen. Kleinkriminelle scheinen sich entweder nicht daran zu stören oder werden geduldet, fragt man abends rum wo man zu dieser Stunde noch eine Flasche Wein kaufen kann, bekommt man eher Angebote für Drogen von Hash bis Kokain als eine hilfreiche Antwort. Auch direkt neben der Streife. Wein gibt es um die Zeit keinen.

Rauf auf den Berg!

Am nächsten Tag war dann also der Cerro San Cristóbal dran. Rauf ging es mit dem wunderbaren Funicular of Santiago, wer kann einer Standseilbahn von 1925 schon wiederstehen. Für 1950,- Pesos, runde 2,50 EUR, zuckelt man entspannt den 300 m Hügel im 45° Winkel rauf. Wer auch nicht runter laufen mag sollte gleich das Round-Trip Ticket für 2600 Pesos kaufen. Als Zwischenstation gäbe es auch noch den Zoo von Santiago. Da ich mir den nicht angesehen habe, kann ich dazu aber nichts sagen. Das große (Vogel-?)Gehege sieht auf jeden Fall recht viel Versprechend aus.

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Oben angekommen ist der Hügel selbst nicht so spektakulär, 22 Meter Maria Statue, Amphitheater für Messen, kleinen Kapelle. Das war es. Aber der Ausblick ins Tal ist spektakulär und wäre auch rauf laufen wert.

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Runter ging es dann zu Fuß durch den Parque Metropolitano de Santiago bis zum Costanera Center. Lässt man es gemütlich angehen, ist das ein zwei Stunden Marsch und Gelegenheit inne zu halten gibt es genug. In den Wäldern neben der Straße sieht man immer wieder kleine Grillplätze, bei wärmerem Wetter kann man hier sicher einen netten Abend mit tollem Panorama haben.
Dort angekommen hat man reichlich Möglichkeit zum shoppen oder, danach stand mir der Sinn eher, Essen fassen

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Der Completo darf nicht fehlen

Allgegenwertig in Santiago sind neben Empanadas übrigens Hot Dogs. Die sollte man wirklich probieren, vorzugsweise mit dicker Avocado-Creme. Beschränken sich die Spanisch Kenntnisse wie bei mir auf die Frage ob man Englisch spreche, ist bestellen aber eine echte Herausforderung für das „zeigen-nicken-si-gracias“ Bestellsystem. Die Chilenen sind aber extrem hilfsbereit und Nebenstehende helfen gerne mit vorhandenen Englisch Kenntnissen aus.

Schlechtes Roaming Netz

Wer sich bereits daran gewöhnt hat im Urlaub mit Google Maps den Weg zu finden, muss in Santiago umdenken. Das Handynetz, zumindest im recht günstigen T-Mobile Roaming, ist schlicht Scheiße. Will man sich also mit jemandem verabreden, macht man Zeit und Treffpunkt besser präzise ab, mal eben per Whatsapp abstimmen könnte sich als schwierig erweisen. Irgendein System konnte ich in meinen 11 Tage nicht erkennen, man geht besser davon aus unterwegs kein Internet zu haben oder besorgt sich eine lokale SIM in der Hoffnung damit eine bessere Abdeckung zu bekommen.

Zentralmarkt in Bellavista

Unbedingt besuchen sollte man den Zentralmarkt von Santiago. Dort ist es voll, laut, riesen groß, wuselig, voller vertrauter und fremder Gerüche, Speisen und Zutaten und macht Lust auf kochen. Ein großer Vorteil in einem Hostel statt einem Hotel abzusteigen ist die vorhandene Küche, mit geneigten Mitessern kann man sich also richtig austoben. Handtellergroße Muscheln laden genauso zum Ausprobieren ein wie schwarzer Mais und unbekannte Früchte. Wer Spaß am Entdecken hat kann hier ohne weiteres einen ganzen Tag zubringen.

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In den Markthallen finden sich auch immer wieder kleine Restaurants, in einer der Hallen ist die gesamte obere Etage diesen vorbehalten. Dort einen Platz zu finden ist kein Problem, man wird vom eifrigen Personal direkt an der Rolltreppe abgefangen. Mir wurde nahegelegt ich müsse unbedingt Chorrillana probieren. Diese Mischung aus Pommes, angebratenen Brühwurst-Stückchen, Rindfleisch, angebratenen Zwiebeln und einem Spiegelei ist…. Interessant, brauche ich aber jetzt nicht zwingend noch mal. Viel mehr angetan hat es mir Ceviche, kalt in Zitronensäure gegarter Fisch. Das ist zwar peruanisch, gibt es aber überall.

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Museumstour durch die Stadt

Wirklich sehenswert sind in Santiago auch die vielen Museen, die meisten sind kostenlos, und alle sind montags geschlossen. Teuer ist nur das Museum für Präkolumbianische Kunst, 4500 Pesos oder rund 7,- EUR, und die Ausstellung ist zwar toll gemacht und interessant, aber auch wenn man alles liest was man lesen kann, hat man nach einer Stunde wirklich alles gründlich gesehen.

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Wenn man sich für Flugzeuge interesseiert lohnt sich der Weg ins Nirgendwo zum Museo Nacional Aeronautico y del Espacio, dem lokalen Luftfahrmuseum. Das Museum ist sehr gut und günstig mit dem Bus zu erreichen, das Taxi daraus kann man sich also sparen. Hier gibt einige Flugzeuge zu sehen, die es in Europa gar nicht live zu sehen gibt. Damit war das Museum für mich ein Muss. Außerdem freuen sich die Angestellten wirklich wenn mal jemand vorbei kommt. Einen anderen Besucher habe ich in den Stunden dort zumindest nicht gesehen.

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Wirklich beeindruckend ist jedoch das Museum für Menschenrechte in seinem schmucken Neubau in der Nähe des Hauptbahnhofes. Wenn ich hier in Deutschland mit Freunden aus den USA Holocaust Ausstellungen besucht habe, war ich immer sehr überrascht wie sehr die davon mitgenommen waren. Durch die ständige Konfrontation ist der Schrecken wohl einfach zu normal geworden. Hier, in diesem Museum, welches sich hauptsächlich um die Zeit der Militärdiktatur unter General Pinochet dreht, kamen mir stellenweise auch die Tränen, wenn ich vor Plakaten und Slogans stand die ich noch aus Kindertage kannte. Definitiv ein Muss.

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Und auf der anderen Straßenseite finden sich Naturkundemuseum und ein wunderschöner Park zum hinterher durchatmen.

Haupstadt als Grün erwiesen

Überhaupt die Parks. Santiago ist eine sehr grüne Stadt und zumindest im Innenstadtbereich kann man viele Wege via Parks erledigen. Wenn das Wetter schön ist, ist das auch immer was los. Neben diversen fliegenden Händlern, Kleinkunst, Pokémon Treffen, immer wieder Einheimische die ihren Hobbies nachgehen, laufen, Fußball, tanzen oder Musik, überall ist was los.

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Kleinkunst in Santiago

Überhaupt ist Kleinkunst im Innenstadtbereich allgegenwärtig, sehr viele Menschen verdienen sich damit ihren Lebensunterhalt oder einen Teil davon und klassische Bettler sieht man recht wenig. Die Chilenen scheinen da auch gerne zu geben und insgesamt eine recht soziale Gesellschaft zu sein. Egal wie abgerissen, ungepflegt und schmutzig ein Obdachloser war, unterernährt waren die Leute nicht. Auch die Straßenhunde sehen recht gesund aus, und an vielen Stellen sieht man gezimmerte Hundehütten die Leute für Straßenhunde aufstellen. Die haben auch keine Angs vor Menschen, ein gutes Zeichen.
Zurück zur Kleinkunst. Neben den auch hier üblichen Stellen, U-Bahn Stationen und Eingängen zu Parks, sind hier rote Ampeln sehr beliebt. Kurz in der Rotphase eine Show abziehen und danach durch die Reihen der noch stehenden Autos und das Trinkgeld einsammeln. Scheint zu funktionieren, sieht man überall.


Das Kleinkunst-Programm geht bis in den Abend und im Party-Viertel Bellavista bis die Polizei den Bands irgendwann den Hahn zu dreht weil es zu laut ist. Da ich dort wohnte und die Fenster in meinem Zimmer geschlossen in etwa so schalldicht waren wie offen, war ich da durchaus ein Freund von. Einen Heidenspaß haben die Trommel-Combos trotzdem gemacht.

 

Der etwas andere Friedhof

Wer „Harald und Maude“ mag, es also gerne auch mal morbid zugehen darf, dem sei der Zentralfriedhof sehr ans Herz gelegt. Runde zwei Millionen Grabstätten sind hier versammelt, vom Einheitsgrab über drei Etagen über die Familiengruft bis zum ausgewachsenen Mausoleum samt Hieroglyphen Inschrift oder im indischen Stil ist dort jede Bauart zu finden. Auch bekommt man hier einen guten Eindruck wie International Chile schon immer war. Geburtsorte aus allen Ecken der Welt findet man hier, Grabinschriften in Chinesisch, Englisch oder Deutsch findet man überall.

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In Santiago gibt es immer was zu sehen und der Party-, oder Shopping Urlauber wird genauso bedient wie der Kultururlauber. Und wird sicherlich noch ein zweites Mal besucht werden. Diesmal aber zumindest mit Basis-Spanisch.

C: Thomas

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